Wenn wir uns selbst im Weg stehen – Kognitive Verzerrungen in Strategieprozessen

Strategiearbeit erfordert kluge Entscheidungen – oft unter Unsicherheit, Zeitdruck und mit begrenzten Informationen. Dass zu viele Veränderungsprozesse leider hinter ihren Möglichkeiten bleiben, ist kein Zufall. Ein entscheidender Grund: Kognitive Verzerrungen. Sie beeinflussen unser Denken, ohne dass wir es merken, und bringen uns dazu, falsche Annahmen zu treffen oder unbequeme Wahrheiten auszublenden.

Für Sie als Umsetzungsverantwortlichen oder Sponsor eines Strategie- oder Transformationsprojekts ist es deshalb entscheidend, diese Denkfehler zu erkennen. Denn sie bestimmen mit, ob Ihre Strategie aufgeht – oder ins Leere läuft.

Der Psychologe Dietrich Dörner hat in Die Logik des Misslingens (1989) typische kognitive Verzerrungen untersucht, die in komplexen Projekten auftreten. Seine Erkenntnisse sind nicht nur theoretisch spannend – sie helfen in der Praxis, Strategieentwicklungs- und Umsetzungsprojekte erfolgreicher zu machen. Sechs dieser Muster begegnen mir regelmäßig in meiner Arbeit. Lassen Sie uns an einem konkreten Projekt durchgehen, wie sie wirken – und was Sie dagegen tun können.

Aus einem Projekt: Eine IT-Abteilung auf der Bremse

In einem Industrieunternehmen stockte die Zusammenarbeit zwischen IT und Business. Entscheidungen dauerten zu lange, wichtige Prioritäten blieben auf der Strecke, und der Frust auf beiden Seiten wuchs. Die Führungskräfte wussten, dass sie etwas ändern mussten – aber trotzdem bewegte sich wenig.

Warum? In dem Fall waren Dörners Denkfallen als Reflexionshintergrund die Ansätze zur Lösung schlechthin.

1. Unklare Zielsetzungen

Das erste Problem zeigte sich, als wir über „schnellere Entscheidungen“ sprachen. Was genau bedeutete das? Weniger Meetings? Kürzere Eskalationswege? Mehr Selbstverantwortung in den Teams? Jede Führungskraft hatte eine eigene Vorstellung – und ohne klares Ziel blieben die Maßnahmen vage.

Wenn Sie in Ihrem Projekt vage Begriffe wie „Agilität steigern“ oder „effizienter werden“ hören, sollten Sie sofort nachhaken. Eine klare Zieldefinition ist der erste Schritt, um Missverständnisse und Reibungsverluste zu vermeiden. In unserem Fall haben wir die vagen Ziele in konkrete Vorgaben übersetzt: Meetings reduzieren, Entscheidungswege verkürzen, Verantwortlichkeiten klären.

2. Entscheidungen ohne fundierte Situationsanalyse

Die erste Reaktion auf die Probleme war typisch: Mehr Meetings ansetzen, um die Abstimmung zu verbessern. Das schien logisch, brachte aber nichts – denn es adressierte nicht die eigentliche Ursache.

Dörner beschreibt diesen Reflex als Informationsabwehr: Menschen neigen dazu, sich auf Erklärungen zu stützen, die in ihr Weltbild passen. Die Führungskräfte dachten, das Problem liege an mangelnder Abstimmung – und übersahen, dass es in Wirklichkeit an ineffizienten Entscheidungsprozessen lag.

Bevor Sie in Aktionismus verfallen, stellen Sie sicher, dass Sie das Problem wirklich verstanden haben. In unserem Fall haben wir zuerst eine Analyse durchgeführt – und dann die richtigen Stellhebel identifiziert.

3. Neue Erkenntnisse ignorieren

Als wir die Analyse präsentierten, gab es Widerstand. „So schlimm ist es doch gar nicht.“ „Das hat bisher auch funktioniert.“ Solche Reaktionen sind typisch.

Das Problem: Wer sich gegen neue Erkenntnisse sperrt, verhindert sinnvolle Anpassungen. Die Führungskräfte in unserem Projekt mussten erst selbst erleben, dass ihre Annahmen nicht mit der Realität übereinstimmten. Durch gezielte Workshops und indem wir aktiv widersprechende Sichten hereingeholt haben, konnten sie die Notwendigkeit der Veränderungen selbst nachvollziehen.

Wenn Sie Widerstand gegen unbequeme Fakten erleben, versuchen Sie, Ihr Team und andere wichtige Stakeholder mit unterschiedlichen Sichten in den Erkenntnisprozess einzubeziehen und laden Sie aktiv dazu ein, auch kritische Stimmen zu teilen. Auch Datenerhebungen oder Simulationen können helfen – so fällt die Akzeptanz leichter.

4. Flucht in Detailentscheidungen

Während die großen Fragen offen blieben, tauchten die Führungskräfte häufig tief in Details ein. Sollten Meetings 30 oder 45 Minuten dauern? Welches Tool eignet sich für die Dokumentation?

Solche Diskussionen sind verlockend, weil sie ein Gefühl von Kontrolle geben. Doch wenn das große Bild fehlt, helfen die besten Details nichts. In unserem Fall haben wir deshalb zuerst die grundlegenden Entscheidungsmechanismen geklärt – und erst dann über die Details gesprochen.

Falls Sie merken, dass sich Ihr Team in Nebensächlichkeiten verliert, holen Sie es zurück zu den entscheidenden Fragen: Was müssen wir zuerst klären, bevor wir ins Detail gehen?

5. Langfristige Effekte ausblenden

Eine der größten Sorgen im Projekt: „Wenn wir Entscheidungswege verkürzen, entsteht Chaos.“ Die Angst vor Nebenwirkungen ist berechtigt – doch oft führt sie dazu, dass gar nichts passiert.

Dörner beschreibt, dass Menschen langfristige Entwicklungen oft schlecht einschätzen. In unserem Fall half eine einfache Maßnahme: Wir spielten verschiedene Szenarien durch. Was passiert, wenn alles bleibt, wie es ist? Was passiert, wenn wir Entscheidungswege verkürzen? Erst dadurch wurde klar, dass der Status quo das größere Risiko war.

Machen Sie Nebenwirkungen sichtbar – aber lassen Sie sich nicht von ihnen lähmen.

6. Die umgesetzte Entscheidung nicht prüfen

Eine Entscheidung ist getroffen, ein neues System eingeführt – und dann? Oft passiert nichts mehr. Dabei ist genau das der Moment, in dem überprüft werden sollte, ob die Veränderung tatsächlich wirkt.

Dörner nennt das ballistisches Handeln: Einmal in eine Richtung geschossen, egal ob das Ziel noch stimmt. In unserem Fall haben wir regelmäßige Feedbackschleifen eingebaut, um zu sehen, ob die neuen Prozesse wirklich schnellere Entscheidungen ermöglichten.

Haben Sie in Ihrem Projekt solche Rückkopplungen eingeplant? Falls nicht, riskieren Sie, dass eine gute Entscheidung wirkungslos verpufft.

________________________________________

Und jetzt? Ein kleiner Reality-Check

Haben Sie sich in einem dieser Muster wiedererkannt? Dann sind Sie nicht allein – kognitive Verzerrungen betreffen uns alle.

Denken Sie an eine strategische Entscheidung, die Sie gerade treffen. Welcher dieser Denkfehler könnte dabei eine Rolle spielen? Und was wäre der erste kleine Schritt, um ihn zu vermeiden?

Lassen Sie es mich wissen – ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen.

Wir bringen Momentum in die Strategieumsetzung.

Damit Strategien im Unternehmen Kraft entfalten, statt zu scheitern.

Wir freuen uns, mit Ihnen zusammen Ihre Erfolgsgeschichte wahr werden zu lassen

Schreiben Sie uns